| Jehovas Zeugen |
Für Nicht-Zeugen Jehovas sei erwähnt, daß diese für Zeugen Jehovas eine bedeutende Rolle einnimmt: Sie ist der sogenannte "treue und verständige Sklave", der ihnen ihre "geistige Speise" zur rechten Zeit gibt.
Der Artikel war ursprünglich in Äthiopien verfaßt worden, soll aber nach eigenem Bekunden auch "ausgewogenen biblischen Rat" enthalten, der "unabhängig von den ortsüblichen Hochzeitsbräuchen anwendbar ist".
Ziel ist laut Artikel, Hochzeiten so zu gestalten, daß "bei diesem Anlaß Jehova, der Stifter der Ehe, geehrt wird".
An sich ein lobenswertes und für Christen verständliches Ziel. Wie sich jedoch zeigen wird, geht es zu einem nicht unbedeutenden Teil um eine subtile bis offensichtliche Einflußnahme der Wachtturm-Gesellschaft auf das Leben der Zeugen Jehovas, eine Durchsetzung dessen, was sie für angemessen hält - und das in einem Maße, daß man von der "Freiheit eines Christenmenschen" (Luther) kaum mehr reden kann.
Was das genau bedeutet, wird im Verlauf dieses Artikels deutlicher werden. Bevor das Hochtzeitspaar in spe in den Genuß der geistigen Ansprache kommt, muß es sich jedoch erst noch einem Gespräch stellen: Der "Bruder, der die Hochzeitsansprache halten soll", setzt sich mit dem Paar zusammen, "hilfreiche Ratschläge zu erteilen und sich zu vergewissern, daß der Eheschließung keine sittlichen oder rechtlichen Hindernisse im Weg stehen und er sein Einverständnis zu dem geben kann, was für ein etwaiges geselliges Beisammensein im Anschluß an die Ansprache geplant ist".
Damit ist die ganze Veranstaltung bereits unter doppelter Kontrolle: Die Ältesten und der Bruder, der die Ansprache halten soll, beide "vergewissern sich", daß auch alles in dem von der Wachtturm-Gesellschaft gutgeheißenen Rahmen geschieht.
"Eine christliche Hochzeit bietet gute Gelegenheit zu zeigen, daß wir 'kein Teil der Welt' sind (Johannes 17:14, Jakobus 1:27). Unsere Ordentlichkeit sollte deutlich erkennbar sein. Das würde bedeuten, daß wir pünktlich erscheinen, statt die Leute warten zu lassen und womöglich Versammlungsaktivitäten zu stören."
Es sind offenbar die Tugenden, an denen man besonders deutlich erkennt, daß jemand Christ ist. "Durch unsere Ordentlichkeit ehren wir Jehova und geben ein gutes Zeugnis." Deshalb werden auch die Kongresse in Fußballstadien immer peinlich sauber hinterlassen und regelmäßig im "Wachtturm" oder "Erwachet!" irgendwelche lobenden Stimmen über die Sauberkeit und Ordentlichkeit abgedruckt.
Natürlich ist gegen Pünktlichkeit und Ordentlichkeit nichts zu sagen, ein Mensch, der über diese Eigenschaften verfügt, wird sicherlich einen guten Eindruck hinterlassen. Aber es ist doch etwas vermessen, es so darzustellen, als wären die Zeugen Jehovas eine Oase der Ordnung im sie umgebenden Chaos. Und auch wenn es einem Christen gut ansteht, pünktlich und ordentlich zu sein, ist dies noch keine Demonstration seines Christseins. Christliches Handeln ist von Liebe geprägt - es besteht die Gefahr, sich an Äußerlichkeiten zu klammern.
Interessant ist, daß die Befürchtung geäußert wird, man könne "womöglich Versammlungsaktivitäten stören" - obwohl das bereits oben ausdrücklich ausgeschlossen wird, weil man die Termine ja mit den Ältesten klärt. Die Besorgnis scheint da so groß zu sein, daß man es nicht oft genug betonen kann. Welchen Stellenwert sie wirklich besitzen, wird sich noch zeigen...
Natürlich darf es dabei nicht zugehen wie in dem weltlichen Sündenpfuhl - wie schön, wenn man ein realistisches Bild von der Außenwelt hat: "Allerdings sollte sich ein derartiges Beisammensein echter Christen abheben von weltlichen Hochzeitsfeiern, die geprägt sind von Extravaganz, unmäßigem Essen und Trinken, wilder Musik, aufreizendem Tanzen und sogar Schlägereien. Die Bibel zählt "Schwelgereien" zu den Werken des Fleisches (Galater 5:21).
Wo es echte Christen gibt, gibt es natürlich auch falsche. Da die Zeugen Jehovas allein Jehova die wahre Anbetung darbringen, die wahre Religion sind, werden die falschen Christen von den anderen Kirchen gestellt.
Interessant ist ein Vergleich mit einer Hochzeit, von der im Neuen Testament berichtet wird (Johannes 2) und bei der Jesus selbst anwesend war, der Hochzeit zu Kana: "Da verwandelt Jesus das Wasser aus sechs steinernen Wasserkrügen in Wein, von denen jeder zwei bis drei Maße faßte" - das ergibt nicht weniger als 6 Krüge mal 2-3 Maß/Krug mal 40 l/Maß, also ca. 600 Liter Wein. :-) Der Speisemeister meint zu dem Bräutigam: "Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten."
Nach den Maßstäben der Zeugen Jehovas wäre diese "Ausschweifung" wohl durchgefallen. Jesus hätte ihnen zufolge vermutlich eher Wein in Wasser verwandeln sollen, damit es auch "kontrolliert" zugeht - ein weiteres Schlüsselwort, wie wir noch sehen werden. Anscheinend war es auch damals üblich, bei der Hochzeit etwas ausgelassener zu sein, und anscheinend hat Jesus überhaupt nichts dagegen einzuwenden, im Gegenteil. Auch sonst ißt und trinkt er mit den Menschen, mit denen die allzufrommen Pharisäer nichts zu tun haben wollen, sie schimpfen ihn gar einen "Fresser und Weinsäufer".
Im Gegensatz dazu heißt es für die Gäste einer Hochzeit bei den Zeugen, sich zu bescheiden: "Der Moment, in dem die Hochzeitstorte angeschnitten und zusammen mit dem Sekt serviert wird, war manchmal für weltliche Gäste das Signal, auf den Putz zu hauen. Viele christliche Paare haben sogar entschieden, auf ihrer Hochzeitsfeier keinen Alkohol auszuschenken, um Problemen aus dem Weg zu gehen."
Ob Jesus sich bei den Zeugen Jehovas einen guten Namen gemacht hätte, ob er christlich genug für sie gewesen wäre?
"Eine Feier richtig zu beaufsichtigen fällt leichter, wenn nicht zu viele anwesend sind. [...] Die Erfahrung hat gezeigt, daß sich die Zahl der Gäste am besten begrenzen läßt, wenn man schriftliche persönliche Einladungen verwendet. Es ist besser, die Gäste persönlich einzuladen statt pauschal ganze Versammlungen, und als ordentliche Christen sollten wir solche Eingrenzungen respektieren."
Eine richtig beaufsichtigte Feier in einem kleinen Rahmen, der sich gut kontrollieren läßt. Klingt richtig fröhlich.
Immerhin bewahrt es die frischverheirateten Zeugen Jehovas vor dem Hochzeits-Super-GAU: "Durch schriftliche Einladungen läßt sich auch die peinliche Situation vermeiden, daß ein Ausgeschlossener bei der Feier auftaucht, denn dann könnten viele Brüder und Schwestern beschließen zu gehen (1. Korinther 5:9-11).
Oder ihn jedenfalls völlig ignorieren. Ein Ehemaliger ist für Zeugen Jehovas eine Unperson - eine effektive Möglichkeit, sie von unbequemen Gedanken und Fragen abzuschirmen. Selbst wenn - wie ein Zeuge Jehovas mir versicherte - es möglich ist, einen nahen ausgeschlossenen Verwandten angesichts besonderer Umstände wie Hochzeits- oder Trauerfeiern zu sehen, wird hier doch dringend davon abgeraten. Wirklich freundlich ist, in welch nette Gesellschaft die Ausgeschlossenen mit den angegebenen Bibelversen gestellt werden: Dort ist von Unzüchtigen, Geizigen, Götzendienern, Lästerern, Trunkenbolden und Räubern die Rede...
Eine Stufe davor sind die "ungläubigen Verwandten und Bekannten". Die darf man zwar einladen, wird aber "deren Zahl zweifellos beschränken" und sich "hauptsächlich auf die konzentrieren, die uns im Glauben verwandt sind (Galater 6:10)." Also wenn schon nicht ganz, so doch fast Zeugen Jehovas sind. Die Formulierung "Manche haben weltliche Bekannte oder ungläubige Verwandte eher zur Hochzeitsansprache als zur Feier eingeladen." ist sicher so zu verstehen, daß dieses Verhalten den Zeugen Jehovas nahegelegt wird. Natürlich nicht ohne Grund. Die sensiblen Brüder und Schwestern könnten sich vor eine "derart peinliche Situation" gestellt sehen, daß ihnen wieder nur bleibt, die Beine in die Hand zu nehmen und die Hochzeitsfeier Hals über Kopf zu verlassen.
"Manche Paare haben auch einfach nur ein Essen mit ihren engsten Familienangehörigen und christlichen Freunden arrangiert."
Langsam nähern wir uns dem Maß an Fröhlichkeit, das den Wachtturm-Autoren wirklich vorschwebt...
"Im Einklang mit Johannes 2.8,9 ist es praktisch, einen "Festleiter" zu bestimmen. Der Bräutigam wird einen vertrauenswürdigen Christen auswählen, der darauf achtet, daß die Ordnung eingehalten wird und man sich an hohe Maßstäbe hält."
Pikanterweise handelt es sich dabei genau um den Speisemeister aus der Hochzeit zu Kana, der Jesus gesagt hat, daß die Leute üblicherweise den schlechteren Wein kriegen, wenn sie sich bereits einen angetrunken haben. Ein echtes Vorbild für einen "vertrauenswürdigen Christen", der auf "hohe Maßstäbe" achtet. :-)
Man darf raten, was den Ältesten für Musik gefällt. Einige Andachtslieder aus dem Gesangbuch der Zeugen Jehovas, wenn sie nicht gar zu fetzig sind?
Ist es nicht gerade das Besondere einer Hochzeitsfeier, daß das Hochzeitspaar im Mittelpunkt steht, daß es ihr Tag ist?
Immerhin, es folgen einige Ausführungen dazu, daß man selbst in weltlichen Kreisen übertriebenem Pomp nicht mehr so viel abgewinnen kann und daß es vielleicht nicht so sinnvoll ist, sich wegen eines Tages auf Jahre zu verschulden. Soweit ganz nachvollziehbar.
Der "Wachtturm" vom 15.4.1969, der anschließend zitiert wird (man darf Zeugen Jehovas also durchaus auch auf ältere Ausgaben ansprechen, wenn sie sie schon zitieren!) rät davon ab, sich ein Hochzeitskleid zu kaufen, "wenn man dadurch sich oder anderen eine finanzielle Last aufbürden würde." Man kann es sich auch ebensogut leihen bzw. es ist " auch vollkommen in Ordnung, wenn ein Brautpaar am Hochzeitstag in seinen besten üblichen Kleidern erscheint".
Die Autoren des Wachtturm-Artikels können es sich nicht vorstellen - genau da scheint das Problem zu liegen. Eine wirkliche Fröhlichkeit scheint ihnen fremd zu sein - es darf nur eine zwischen zusammengebissenen Zähnen aufgesetzte sein, stets darauf bedacht, nur ja nicht "auffällig" zu werden.
Anschließend geben sich die Wachtturm-Autoren redlich Mühe, Gründe aufzuzählen, warum ein Zeuge Jehovas besser daran tut, nicht zu gehen:
"Wir tun gut daran, im Sinn zu behalten, daß unsere Zeit kostbar ist, denn wir benötigen Zeit für unseren Dienst, das persönliche Studium und andere Aufgaben in der Familie und der Versammlung (Epheser 5:15,16)."
Kostbar ist die Zeit. Viel zu kostbar dafür, auch nur an einem der wichtigsten Ereignisse im Leben der Verwandten und Bekannten teilzunehmen. Man könnte ja einen Nachmittag weniger zur Verfügung haben, um mit dem "Wachtturm" von Haus zu Haus zu gehen oder einen Tag auch mal nicht zu studieren. Und die Familie wird sicherlich durch den Besuch einer solchen Feier der Verwahrlosung anheimfallen. Man kann erraten, welchen Stellenwert weniger wichtige Ereignisse im Leben der Verwandten und Bekannten einnehmen, die nicht zu den Zeugen Jehovas gehören. Aber es geht noch weiter:
"Am Wochenende gehen wir in den Predigtdienst und haben Zusammenkünfte, die wir nicht versäumen wollen (Hebräer 10:24,25). Viele Hochzeiten finden an Daten statt, an denen ein Kongreß geplant ist oder in Verbindungen mit dem Abendmahl besondere Anstrengungen im Dienst vorgesehen sind. Wir sollten uns nicht davon abhalten lassen, die gleichen besonderen Anstrengungen zu unternehmen wie unsere Brüder in der ganzen Welt, um beim Abendmahl des Herrn anwesend zu sein."
Nicht versäumen wollen? Auch hier entsteht wieder unmittelbar der Eindruck, daß die Zeugen Jehovas ihren Predigtdienst ableisten und zu den Zusammenkünften gehen müssen, es scheint für die Wachtturm-Gesellschaft unvertretbar zu sein, dies auch bei wichtigsten persönlichen Ereignissen im Bekanntenkreis auch nur einmal ausfallen zu lassen. Geschweige denn, es handelt sich gar noch um die großen, von der Wachtturm-Gesellschaft veranstalteten Kongresse - welche Sünde wäre es, ihnen einmal fernzubleiben.
"Bevor wir die Wahrheit kennenlernten, haben wir viel Zeit mit Weltmenschen verbracht, womöglich unter gottentehrenden Umständen (1. Petrus 4:3,4). Man kann einem weltlichen Hochzeitspaar ohne weiteres Glück wünschen, indem man eine Glückwunschkarte schickt oder an einem anderen Tag einen kurzen Besuch abstattet. Solche Gelegenheiten haben manche benutzt, Zeugnis zu geben, indem sie einige Bibelstellen besprachen, die für Jungverheiratete passend sind."
Man kann das Glück des jungen Hochzeitspaares kaum ermessen, wenn die Zeugen Jehovas, die ihre Einladung zur Hochzeitsfeier ausgeschlagen haben, um sich nicht der Gefahr von "gottentehrenden Umständen" auszusetzen und ihren Predigtdienst nicht zu versäumen, einige Tage später an der Tür stehen, um mit ihnen "einige Bibelstellen" zu besprechen, die für sie passend sind...
Anschließend folgt ein Essen mit engen Familienagehörigen und anderen Zeugen Jehovas. Auf Wunsch mit dezenter, "passender" Hintergrundmusik, die von den Ältesten probegehört worden ist.
Eine solche "Feier" kann man dann sicherlich auch veranstalten, ohne den so wichtigen Predigtdienst oder die Zusammenkünfte einmal aussetzen zu müssen.
"...doch gibt es nach der Bibel auch nichts gegen eine solche fröhliche Veranstaltung einzuwenden."
Ehrenvoll ist es, wenn der Zeuge Jehovas sich an den geistigen Gesichtspunkten der Wachtturm-Gesellschaft orientiert und der offenbar viel lebensfroheren Hochzeit zu Kana keinen zu aufmerksamen Blick gönnt, wenn er sich nicht mal zu seiner Hochzeit ein etwas größeres Maß an Lebensfreude erlaubt als ihm von der Wachtturm-Gesellschaft zugestanden wird und wenn er insbesonde die theokratischen Aktivitäten - also seine Dienste für die Wachtturm-Gesellschaft - ableistet, ohne auch nur bei der eigenen Hochzeit eine Ausnahme zu machen.
Dienstverpflichtung total. Da erscheint das manchmal bewunderte Engagement, mit dem Zeugen Jehovas an der Straße stehen, in einem etwas anderen Licht...
"Außerdem werden sie mit einem guten Gewissen und schönen Erinnerungen auf das Ereignis zurückblicken können. Es ist zu wünschen, daß all unsere christlichen Hochzeiten durch das Bekunden von Weisheit und Vernünftigkeit aufrichtigen Beobachtern zu einem Zeugnis ausschlagen."
Und das gute Gewissen, sich treu an die Statuten der Wachtturm-Gesellschaft gehalten zu haben, ist viel wert. Jedenfalls solange man Zeuge Jehovas ist. Ob sich die schönen Erinnerungen halten, oder ob es ihnen einmal so gehen wird wie dem daheimgebliebenen Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn? Der ganz verbittert fragt: "Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verpraßt hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet." Der Vater antwortet ihm: "Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein." - Es hätte ihm alles zur Verfügung gestanden, aber er hat sich nie etwas davon gegönnt...
Dies möchte ich gern als Einladung an alle Zeugen Jehovas, die bis hier durchgehalten haben, stehenlassen.
Geht es wirklich um die Ehre Jehovas?
Oder geht es um das Funktionieren im Sinne der Wachtturm-Gesellschaft?
Wo bleibt die Fröhlichkeit, die oben versprochen wurde?
Ich habe den Eindruck, daß Zeuge Jehovas zu sein eine ziemlich unfreudige Angelegenheit ist - nicht nur, wenn es ans Heiraten geht.