| Jesus
Christus - ein Engel wird Mensch? |
. Zuletzt
geändert: 19.07.1998
Nach der Lehre der Wachtturm-Gesellschaft ist Jesus Christus ein von
Gott geschaffenes Wesen und mit dem Erzengel Michael identisch. Dies
wird in der Begleitlektüre für Haustürgespräche, dem
Unterredungsbuch, wie folgt begründet (S.247):
Der Befehl Jesu Christi zum Anbruch der
Auferstehung wird in 1. Thessalonischer 4:16 (Al, neu erarbeitet
von Beck und Miller, 1965) als "Ruf des Erzengels" beschrieben, und Judas
9 sagt, der Erzengel sei Michael. Wäre es angebracht, den gebietenden
Zuruf Jesu mit dem Zuruf eines anderen, der weniger Autorität besitzt,
zu vergleichen? Logischerweise handelt es sich also beim Erzengel Michael
um Jesus Christus.
Das ist doch eine recht eigenartige Argumentation. Wird der Ruf Jesu
tatsächlich als "Ruf des Erzengels" beschrieben? Es fällt
auf, daß als Belegquelle hier zu einer eher exotischen Bibelübersetzung
gegriffen wird, der "Allioli-Bibel". Handelt es sich dabei um
den Versuch, nach Möglichkeit jede erhältliche Bibelübersetzung
mindestens einmal zu Wort kommen zu lassen? Oder ist die gewünschte
Aussage vielleicht nur mit dieser Bibelausgabe möglich? Vergleichen
wir mal den Bibelvers in bekannten und gebräuchlichen Übersetzungen:
"Denn er selbst, der Herr wird, wenn der Befehl
ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen,
herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben
sind, auferstehen." (Luther 1984)
"Denn der Herr selbst wird beim Befehlsruf,
bei der Stimme eines Erzengels und bei <dem Schall> der Posaune Gottes
herabkommen vom Himmel, und die Toten werden zuerst aufstehen." (Rev. Elberfelder)
In beiden Fällen haben wir offenkundig drei Ereignisse:
-
den Befehlsruf / das Ertönen des Befehls
-
das Erschallen der Stimme des Erzengels
-
das Erschallen der Posaune Gottes.
Daß Jesus angeblich mit der Stimme eines Erzengels ruft, ist dem
Vers nirgendwo zu entnehmen. Und daß ein Zuruf Jesu mit einem
anderen Zuruf verglichen wird, ebenfalls nicht. Laut Vers wird es einen Befehl
geben, die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes werden erschallen.
Es entsteht eher der Eindruck einer feierlichen Ankündigung desjenigen,
der da kommt.
Die Neue Welt-Bibel ist in ihrer Formulierung weniger klar:
"...denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen mit gebietendem
Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes, und die
in Gemeinschaft mit Christus Verstorbenen werden zuerst aufstehen."
Die Wiedergabe ist hier mehrdeutig, sowohl die Lesart ist möglich,
daß der Herr zusammen mit einem Zuruf, der Stimme eines Erzengels
und der Posaune vom Himmel herabkommen wird - diese würde mit den
anderen Bibelübersetzungen übereinstimmen, als auch die Lesart,
daß der Herr mit der Stimme eines Erzengels gebietend ruft und die
Posaune Gottes bei sich hat. Selbst bei größtmöglichem
Entgegenkommen handelt es sich hier also nicht um einen Schluß, der
"logischerweise" zu ziehen ist, sondern um eine vage Spekulation anhand
eines einzigen Bibelverses, der die genannte Deutung in den gängigen
Übersetzungen nicht offenläßt.
Die Lehre findet auch in anderer Literatur der Zeugen Jehovas Eingang,
beispielsweise im "Offenbarungs-Buch" in der Auslegung zu Offenbarung 7:2-3:
"Obwohl der Name dieses fünften Engels nicht
genannt wird, deutet doch alles darauf hin, daß es der verherrlichte
Jesus ist. Da Jesus der Erzengel ist, wird er hier als jemand dargestellt,
der Gewalt über die anderen Engel hat (1. Thessalonicher 4:16; Judas
9)." (S.115)
Hier werden ohne Begründung Schlüsse nahegelegt. Es "deutet
doch alles darauf hin"? Was immer den Autor zu diesem Satz bewogen
haben mag, er teilt es uns nicht mit. Als "Beleg" zu dieser
unbegründeten These wird ohne weiteren Kommentar der oben diskutierte
Vers 1. Thess. 4:16 angeführt, als ginge aus diesem selbstverständlich
hervor, daß Jesus der Erzengel Michael ist.
Es bleibt festzuhalten, daß hier schwerwiegende
und grundlegende theologische Aussagen nicht etwa auf Basis einer fundierten
Auseinandersetzung mit der Bibel getroffen werden, sondern aufgrund einer
ziemlich gewagten Deutung eines einzelnen Bibelverses.
Die Argumentation überzeugt nicht etwa durch Fakten, sondern ist
manipulativ, versucht den Leser dahin zu bringen, daß er die dargebotenen
Schlüsse "logisch" oder "angebracht" findet, oder stillschweigend
akzeptiert, daß "alles" - was auch immer das sein mag - "darauf hindeutet".
Die "Einsichten in die Heilige Schrift" führen schließlich
aus (Band 1, S. 1352):
"Aus dem Bibelbericht geht jedoch nicht hervor,
zu welchem Zeitpunkt Jehova eine bestimmte Person dazu berief oder sie
davon unterrichtete, die Rolle des Messias zu übernehmen [...]
Die Anforderungen, die an diese Person gestellt wurden - besonders weil
sie als Lösegeld dienen sollte -, schlossen die Auswahl eines unvollkommenen
Menschen aus, nicht aber die eines vollkommenen Geistsohnes. Jehova
wählte aus seinen Millionen Geistsöhnen einen aus, der diese
Aufgabe erfüllen sollte: seinen Erstgeborenen, das WORT. (Vgl. Heb
1:5,6)"
Liest man einmal den angegebenen Bibeltext im Zusammenhang, so fällt
auf, daß er genau gegen den im "Einsichten"-Buch geäußerten
Gedanken argumentiert:
"[Er] ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name,
den er ererbt hat, höher ist als ihr Name. Denn zu welchem Engel
hat Gott jemals gesagt: "Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt"?
und wiederum "Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein"?
Und wenn er den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt, spricht
er: "Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten". (Hebräer
1:4-6)
Klar wird gesagt, daß Jesus nicht mit den Engeln auf einer Stufe
steht, sondern weit höher als sie, daß Gott Jesus eben gerade
im Unterschied zu jedem Engel seinen Sohn genannt hat und sich zu ihm
als Vater bekennt.