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Der
Wachtturm, 01.02.2002
Hast
Du den "Geist der Wahrheit" empfangen?
Der
Wachtturm, 01.04.2001
Die
wunderbaren Wahrheiten von 1914
Der
Wachtturm, 15.02.2001
Der
Heilige Geist - für Jehovas Zeugen reserviert?
Der
Wachtturm, 15.02.2001
Von
"Feinden Gottes" umgeben?
Der
Wachtturm, 15.01.2001
Rettung
nur durch die Organisation?
Der
Wachtturm, 15.01.2001
Die
Theokratie im Vordergrund
Der
Wachtturm, 15.01.2001
Der
Name "Jehova" nachträglich eingefügt
Der
Wachtturm, 15.11.2000
Privilegierte
Klassen
Broschüre
"Werde ein Freund Gottes!":
Wie
wird man ein Freund Gottes?
Unser
Königreichsdienst, September 2000:
Überprüfen
durch Aufschlagen von Bibelstellen?
Der
Wachtturm, 01.06.2000:
Warum
nennen sich Jehovas Zeugen nicht einfach Christen?
Der
Wachtturm, 15.02.2000:
Jetzt
aber schnell zu Jehovas Zeugen!
Der
Wachtturm, 01.01.2000:
Jehovas
Organisation?
Wachtturm,
15.07.1999:
Hohe
Verluste
Der Wachtturm, 15.04.1999:
Lauheit
unter Jehovas Zeugen
Der Wachtturm, 01.02.1999:
Das
Problem der "aussterbenden" 144.000
Der Wachtturm, 15.01.1999:
"Loyale"
Hände
Der Wachtturm, 15.01.1999:
Heilung
nur "in geistiger Hinsicht"
Der Wachtturm, 15.01.1999:
Wie
kuriert man Verunsicherung?
Wachtturm, 01.01.1999:
Die
Unverzichtbarkeit des "Sklaven"
"Außerdem ist die wahre Christenversammlung 'eine Säule und Stütze der Wahrheit' (1. Timotheus 3:15). Ihre Aufseher schützen die Reinheit der Lehre innerhalb der Versammlungen, indem sie verhindern, daß sich irgendwelche verunreinigenden Vorstellungen einschleichen (2. Timotheus 2:15-18, 25). Sie halten 'falsche Propheten', 'falsche Lehrer' und 'verderbliche Sekten' von der Versammlung fern (2. Petrus 2:1)."
Das setzt allerdings voraus, daß diese Aufseher selbst die reine Lehre haben. Das einfache Glied einer "wahren Christenversammlung" wird sich blind auf sie verlassen, so wie sie hier als Verteidiger der Wahrheit dargestellt sind. Werden sie damit wirklich zu Hütern der reinen biblischen Lehre, oder werden sie damit zu Hütern der Lehrtraditionen der Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft? Wohl stimmt es, daß sie Einflüsse "von außen" abschirmen. Aber müssen das immer schädliche, störende und falsche Einflüsse sein, oder werden nicht vielleicht auch mögliche Korrekturen wirksam abgeschirmt?
In dem nachfolgenden Artikel "Wie man negative Gefühle überwinden
kann" eine Christin wie folgt zitiert (S. 23): "'Dadurch, daß
ich immer eng mit der Versammlung verbunden geblieben bin', sagt sie, 'habe
ich das Leben von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Mir ist
völlig klargeworden, daß die christlichen Ältesten liebevoll
sind - keine Polizisten, sondern Hirten.'" Interessant
daran finde ich, daß für besagte Christin die Rolle der Ältesten
als eine Art Polizei offenbar vorher im Raum gestanden hat oder daß
sie die Ältesten so wahrgenommen hat. Sie muß sich erst
davon überzeugen, daß es keine Polizisten, sondern Hirten sind...
Die neuzeitliche Entwicklung der Zeugen Jehovas wird in dem Artikel "Das wahre Christentum gewinnt die Oberhand" wie folgt beschrieben: "Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine kleine Gruppe von Bibelforschern, heute als Jehovas Zeugen bekannt, durch die Wahrheit der Bibel aufgerüttelt. 1914 war die Bibel für sie lebendig geworden. Sie verstanden wunderbare Wahrheiten in bezug auf den Vorsatz Gottes." (S. 15)
Wer diese Zeilen liest, macht sich keine Vorstellung davon, in welcher
Situation sich die Bibelforscher im Jahr 1914 tatsächlich befanden.
Ich kann mir gut vorstellen, daß einige von ihnen damals gar nichts
mehr verstanden haben. Das Jahr 1914 war nämlich Brennpunkt
von äußerst klaren und eindeutigen Voraussagen:
Diese Zitate stellen nur eine Auswahl dar. Sehr ausführlich
werden die Voraussagen zu 1914 im Buch "Der Gewissenskonflikt" behandelt
(siehe Literaturhinweise).
Wieviele der wunderbaren Wahrheiten, die die Bibelforscher damals verstanden haben, werden heute auch noch als solche angesehen, oder anders gefragt: Wieviele der wunderbaren Wahrheiten waren tatsächlich Wahrheit - und wieviele Vermessenheit? Und was ist davon zu halten, daß der Heilige Geist den Menschen zu einer genauen Erkenntnis verholfen hat?
Was ist diesen Aussagen Jesu über die Gabe des Heiligen Geistes zu entnehmen? Es kommt darauf an, Jesus liebzuhaben. Wer Jesus liebt, wird seine Gebote einhalten (denn Liebe vertraut). Wir können Gott, den Vater, auch um den Heiligen Geist bitten, und er wird ihn uns geben. Demgegenüber lehrt der Wachtturm:
"Durch seinen Propheten verhieß Gott: 'Dann werde ich die Sprache der Völker in eine reine Sprache umwandeln, damit sie alle den Namen Jehovas anrufen, um ihm Schulter an Schulter zu dienen' (Zephanja 3:9). In den jetzigen letzten Tagen sind es Jehovas Zeugen, die den Namen Jehovas anrufen und ihm, vereint durch ein unzerreißbares Band der Liebe, 'Schulter an Schulter' dienen. Sie sind es, denen Jehova die reine Sprache gegeben hat. Zu dieser reinen Sprache gehört das richtige Verständnis der Wahrheit über Gott und seine Vorsätze. Dieses Verständnis vermittelt nur Jehova, und zwar durch seinen heiligen Geist (1. Korinther 2:10).Wem gibt Jehova seinen Geist? Nur denen, 'die ihm als dem Herrscher gehorchen' (Apostelgeschichte 5:32). Allein Jehovas Zeugen sind bereit, Gott als dem Herrscher in allem zu gehorchen. Deshalb erhalten sie den Geist Gottes und sprechen die reine Sprache - die Wahrheit über Jehova und seine herrlichen Vorsätze. Mit dieser reinen Sprache preisen sie Jehova weltweit, und das in immer noch größerem Maße."
Steht Menschen wirklich eine so vermessene Aussage zu, daß sie
bereit sind, Gott "in allem" zu gehorchen?
19 Die reine Sprache zu sprechen beschränkt
sich jedoch nicht darauf, der Wahrheit zu glauben und sie andere zu lehren,
sondern schließt auch ein, seinen
Lebenswandel nach Gottes Gesetzen und Grundsätzen
auszurichten. Die gesalbten Christen sind führend darin vorangegangen,
Jehova zu suchen und die reine
Sprache zu sprechen. Denken wir nur einmal
an das, was erreicht worden ist! Die Zahl der Gesalbten ist zwar auf unter
8 700 gesunken, doch etwa 6 Millionen
andere ahmen ihren Glauben nach, indem
sie Jehova suchen und die reine Sprache sprechen. Es ist die an Zahl zunehmende
große Volksmenge aus allen Nationen,
die an Jesu Loskaufsopfer Glauben ausübt,
in dem irdischen Vorhof des geistigen Tempels Gottes heiligen Dienst verrichtet
und die die ?große Drangsal?, die bald
"Feinde Gottes - nehmt es zur Kenntnis! [...] Skrupellose Menschen verleumden Jehovas Zeugen und stigmatisieren sie als "gefährliche Sekte". Gott nimmt ihre Taten zur Kenntnis und sie werden nicht ungestraft davonkommen. Diese Feinde Gottes sollten bedenken, wie es den Feinden des Volkes Gottes in alter Zeit ergangen ist, zum Beispiel den Philistern. [...] Nur 15 Jahre nachdem Zephanja diese Prophezeihung verkündet hatte, wurde das mächtige Ninive zerstört und der Königspalast in Schutt und Asche gelegt. Ja, die stolze Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. [...] In den einst belebten Durchgangsstraßen wäre nur eine schaurige Stimme im Fenster zu hören, vielleicht das Klagelied eines Vogels oder das Heulen des Windes. Mögen alle Feinde Gottes ein gleiches Ende finden!"
Einmal mehr soll bei dem Leser der Eindruck gestärkt werden, daß er zu einer armen, verleumdeten Gruppierung gehört. Das geschürte Feindbild wird in den passenden, dunklen Farben gemalt: Es sind nicht nur skrupellose Menschen, die sich da über Jehovas Zeugen äußern, mehr noch, es sind Feinde Gottes. Die WTG fühlt sich berufen, an Gottes Stelle über sie das Gericht anzukündigen. Mitleidlos soll der Leser in den bekräftigenden Ausruf einstimmen und diesen Feinden die Verwüstung an den Hals wünschen.
Nun gibt es sicherlich in der tatsächlichen Welt Menschen, die über Zeugen Jehovas reden, ohne hinreichend über sie Bescheid zu wissen. Auch kann es sein, daß manche "Ehemalige" verbittert sind und ihr Zorn und ihre Enttäuschung sie anklagend werden läßt. Vielleicht gibt es sogar Menschen, die Jehovas Zeugen verleumden. Ganz sicher aber ist diese Schwarzweißmalerei unangemessen. Kritik ist keine Verleumdung. Kritik an der Wachtturmgesellschaft und ihren Lehren betrifft sicherlich Joehvas Zeugen, die unter dem "Sklaven" leben, aber es hat sie nicht zum Ziel. Menschen, die Kritik äußern, müssen weder "skrupellos" sein (sie können auch von ehrlicher Betroffenheit getrieben sein), noch sind es zwangsläufig Rebellen oder Feinde gegen Gott (sie können ihre Aufgabe auch so verstehen, daß sie Gott damit dienen).
"Angesichts dessen, daß wir in den 'letzten Tagen' leben. müssen wir mit Jehovas fortschreitender Organisation unbedingt Schritt halten." (S. 18) "...die Organisation Jehovas und die Organisation des Satans. Der Kampf zwischen diesen ist immer noch im Gange, und wir werden nur dann auf der Siegerseite stehen, wenn wir mit Jehovas Organisation Schritt halten." (S. 19)Hier wird offenkundig Druck aufgebaut, der die Leser bei der Stange halten soll: Es sind die letzten Tage, es findet ein großer Kampf statt, und nur die "Organisation" bewahrt den Zeugen Jehovas davor, aufgerieben zu werden. Aber es reicht nicht, sich zu der Organisation zu halten, nein, es muß unbedingt "Schritt gehalten werden". Damit wird wohl nahegelegt, alle Vorgaben und Lehraussagen unverzüglich zu akzeptieren und sich zu eigen zu machen.
Ist diese Form von Druckausübung aber gerechtfertigt? Wer ist denn der Sieger, der über den Satan triumphiert? Im Kolosserbrief heißt es: "Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus." (Kolosser 2:15) Und im Römerbrief ermutigt Paulus nachdrücklich: "Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (Römer 8:38-39)
Wer den Wachtturm vom 15.01.2001 zur Hand nimmt, kann sich eigentlich nur wundern, wie oft dort "theokratische" Formulierungen verwendet werden und wie oft von der leitenden Körperschaft und der Organisation die Rede ist. Anscheinend soll durch massive Betonung daran erinnert werden, daß Gott hinter der Organisation steht und quasi durch sie regiert. Doch ist das wirklich der Fall?Der Artikel "Aufseher und Dienstamtsgehilfen theokratisch ernannt" versucht zu rechtfertigen, daß die besagten Positionen nicht von der Versammlung berufen, sondern "theokratisch" festgelegt werden. Dabei wird ausgerechnet ein Beispiel herangezogen, das eigentlich das genaue Gegenteil besagt: "Die leitende Körperschaft gab folgende Richtlinie: 'Sucht euch aus eurer Mitte sieben Männer aus, die ein gutes Zeugnis haben und mit Geist und Wahrheit erfüllt sind, damit wir sie über dieses notwendige Geschäft setzen können' (Apostelgeschichte 6:1-3)." (S. 14) Die sieben Männer wurden hier also nicht von der leitenden Körperschaft "ernannt", sondern sie wurden von der Gemeindeversammlung ausgewählt. In Vers 4 heißt es: "Und die Rede gefiel der ganzen Menge, und sie erwählten Stephanus,..." (Rev.Elb.) Die NW gibt den Vers übrigens unklarer mit "...und man wählte Stephanus aus..." wieder.
"Die Aufseher in ihren Reihen werden nicht von irgendeiner kongregationalistischen, hierarchischen oder presbyterianischen Kirchenleitung eingesetzt." (S. 13) Werden sie das wirklich nicht? Ziehen wir doch mal einige Aussagen des Artikels zusammen: "Alle Mitglieder der Zweigkomitees werden direkt von der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas ernannt." (S. 15) "Außer den Mitgliedern der Zweigkomitees werden auch Bethelälteste und reisende Aufseher von der leitenden Körperschaft ernannt." (S.15) "Heute setzt die leitende Körperschaft daher befähigte Brüder in den Zweigbüros ein, stellvertretend für sie die Ernennung von Ältesten und Dienstamtsgehilfen vorzunehmen." (S. 15) Ist hier keine Hierarchie zu erkennen, bei der die leitende Körperschaft an oberster Stelle steht, die Bethelältesten, reisenden Aufseher und Mitarbeiter in den Zweigbüros in der zweiten Ebene, und die anderen Zeugen Jehovas darunter? Nur daß man das weder hierarchisch noch Kirchenleitung nennt?
"Theokratische Ernennungen kommen von Jehova durch seinen Sohn und durch Gottes sichtbaren, irdischen Kanal, den 'treuen und verständigen Sklaven' mit seiner leitenden Körperschaft." (S. 16) Was davon irdisch und sichtbar erkennbar wird, ist jedoch lediglich die leitende Körperschaft und die Autorität, die sie sich zubilligt. Daß sie ihre Weisungen theokratisch empfängt - also gewissermaßen von Jehova selbst - wird man einfach glauben müssen. "Daher gelten die Ernennungen als durch den Heiligen Geist vorgenommen." (S. 16) Ein Zugeständnis daran, daß man es so genau dann auch nicht wissen kann? Die vorhergehenden Sätze beschreiben, daß man nach einem Menschen sucht, der die in der Bibel angegebenen Voraussetzungen erfüllt und daß dieser auch "Frucht des Geistes" hervorbringt. Das mag man von vielen Christen sagen können, bestimmt auch von mehr als nur den sieben Männern, die in Apostelgeschichte 6 ausgewählt wurden.
Im vorgehenden Bericht über die Mitgliederversammlung heißt es: "Theodore Jaracz von der leitenden Körperschaft hielt die nachdenklich stimmende Ansprache 'Dienstamtsgehilfen und Aufseher theokratisch ernannt." So einiger Stoff zum Nachdenken wird wirklich geboten, oder?
"Die leitende Körperschaft der Sklavenklasse wird nicht von irgendeinem Menschen ernannt. Sie wird von ... Jesus Christus ernannt, dem Haupt der wahren Christenversammlung und dem Herrn und Meister der Klasse des 'treuen und verständigen Sklaven'." (S. 29) Da stellt sich die überaus spannende Frage, wie die Ernennung dieser leitenden Körperschaft denn eigentlich vor sich geht. Sendet Jesus Christus jedesmal einen Engel vom Himmel, um ein neues Mitglied der leitenden Körperschaft zu ernennen? Oder handelt es sich vielleicht doch um einen Vorgang, der unter den Mitgliedern der leitenden Körperschaft stattfindet - also Menschen - und die als Ernennung durch Christus verstanden wird? Eine ähnliche Konstruktion haben wir ja weiter oben: "Daher gelten die Ernennungen als durch den Heiligen Geist vorgenommen."
"Natürlich ist die Zahl der Zeugen Jehovas und ihrer Mitverbundenen kein Kriterium dafür, zu ermitteln, ob sie Gottes Gunst genießen; genausowenig läßt sich Gott durch statistische Angaben beeindrucken." (S. 17) Das ist eine frappierende Aussage, wird doch ansonsten gerne mit Zahlenmaterial hantiert. Im Wachtturm vom 01.04.2001 findet sich zum Beispiel auf S. 16 eine Grafik, die den "Anstieg der Zahl der Königreichsverkünder im 20. Jahrhundert" illustrieren soll. Im Text heißt es: "Jehova segnete diese Handvoll gesalbter Christen. Gegenwärtig hat die Anzahl derer, die das Christentum angenommen haben, sechs Millionen überschritten. [...] Diese weltweite Predigttätigkeit erhärtet den unwiderlegbaren Beweis, daß Jesus in Königreichsmacht gegenwärtig ist." Wird hier nicht das zahlenmäßige Wachstum als Erweis für Jehovas Segen gesehen?
Von der Neuen-Welt-Übersetzung heißt es: "Sie enthält Jehovas Namen an jeder Stelle, wo in den Hebräischen Schriften das Tetragrammaton steht. Die Übersetzung weist den göttlichen Namen auch an 237 Stellen in den Christlichen Griechischen Schriften auf, wo nach sorgfältigen Untersuchungen eine solche Einsetzung gerechtfertigt war." (S. 30 rechts)Damit wird offen und deutlich zugegeben, daß der Name in den griechischen Schriften nicht vorhanden ist und dort nach fallweiser Unterscheidung eingesetzt wurde. Stattdessen findet sich im griechischen Text an diesen Stellen das Wort kyrios, das nichts anderes als Herr bedeutet. Warum ist das von Bedeutung? Im Anhang der Neuen-Welt-Übersetzung wird diese Vorgehensweise wie folgt erläutert: "Um nicht die Grenzen, die einem Übersetzer gesetzt sind, zu überschreiten und um uns nicht in die Exegese zu begeben, waren wir äußerst vorsichtig, den göttlichen Namen in den Christlichen Griechischen Schriften wiederzugeben."
Genau die Grenzen, die einem Übersetzer gesetzt sind, wurden hier deutlich überschritten: Wenn eine "sorgfältige Untersuchung" erfolgt und man sich dafür entscheidet, welches kyrios man nun durch Jehova ersetzt und welches kyrios man bei Herr beläßt, begibt man sich genau in den Bereich der Exegese, den man angeblich nicht betreten wollte: Es wird zur Auslegungs- und Ermessensfrage. Und unter Umständen bestimmt dieses über den griechischen Text hinausgehende Ermessen die Bedeutung von Bibelversen. Da bleibt es dann nicht bei Auslegung, sondern man kann schon von einer Hineinlegung sprechen.
"Selbst wenn jemand mit weit überlegenem Wissen noch so sorgfältig zurechtgelegte und anscheinend unwiderlegbare Argumente anführt, muß der Zuhörer nicht einfach deshalb einer absurden Schlußfolgerung zustimmen, weil er sie momentan nicht widerlegen kann. Der Schüler wandte in der Tat den sehr nützlichen biblischen Grundsatz aus 1. Johannes 4:1 an, wo geraten wird, nicht vorschnell alles zu glauben, was man hört, selbst wenn es vielleicht aus einer maßgeblichen Quelle stammt."
Darf man diese Lektion nur dann anwenden, wenn es um die weltliche Wissenschaft
geht, oder um Philosophen und Denker? Oder darf man sie auch so lesen,
daß man die Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft einsetzt?
Oder muß man hier den sorgfältig zurechtgelegten Argumenten
folgern, weil sie aus einer maßgeblichen Quelle stammen?
Betrachten wir demgegenüber das neutestamentliche Vorbild, so wird ohne weiteres deutlich, daß den ersten Christen ein wesentlich höheres Maß an geistlicher Mündigkeit zugetraut wurde: "Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprachenrede, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung." (1. Korinther 14:26) Es ist daher richtig, daß Christen mehr sein sollen als "passive Zuhörer".
Andererseits stellt sich die Frage, wie es in diesem Punkt um den sehr kleinen Kreis steht, der verbindlich festlegt, was Zeugen Jehovas zu glauben haben. So heißt es im nicht lange zurückliegenden "Wachtturm" vom 1. September 2000: "Bezweifeln wir, daß ein ´treuer und verständiger Sklave´ eingesetzt wurde, um den Dienern Jehovas ´ihre Speise zur rechten Zeit zu geben´?" (S. 13) Handelt es sich hier nicht auch um eine besondere "Klasse", die sich das Privileg vorbehält, in direkter Verbindung zu "Jehovas Geist" zu stehen? Ist es nicht vom dem Einsehen dieser besonderen Klasse abhängig, ob sie Änderungen an ihrem biblischen Verständnis vornimmt?
Betrachten wir dazu einmal die Frage, ob ein Zeuge Jehovas Zivildienst
ableisten darf: "In der Sitzung [der leitenden Körperschaft] vom 11.
Oktober 1978 stimmten von dreizehn Anwesenden neun für eine Änderung
der bisher üblichen Praxis. Die Entscheidung für oder gegen
den Zivildienst sollte daher jeder Betroffene selbst fällen, gemäß
seinem Gewissen. Vier stimmten dagegen. Die Folge war, daß
sich nichts änderte, da es insgesamt sechzehn Mitglieder der leitenden
Körperschaft gab und neun keine Zweidrittelmehrheit bildeten.
Am 15. November waren alle sechzehn anwesend und elf stimmten für
eine Änderung, so daß ein Zeuge Jehovas, der die Ableistung
des Zivildienstes mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, nicht automatisch
als untreu eingestuft wurde, so als habe er die Versammlung verlassen.
Das war eine Zweidrittelmehrheit. Kam es nun zu einer Änderung?
Nein, denn nach einer kurzen Sitzungsunterbrechung gab einer bekannt, er
habe es sich anders überlegt." (Der Gewissenskonflikt, S. 103/104)
Nach diesen Abstimmungen im Jahr 1978, die beide mit deutlicher Mehrheit
für eine Änderung ausgegangen waren, sollten jedoch noch einmal
stolze achtzehn Jahre vergehen, bis es zu einer Änderung in
dieser Frage kam: "Im Wachtturm vom 1. Mai 1996 wird den Zeugen jetzt
gestattet, sich in dieser Angelegenheit von ihrem Gewissen leiten zu lassen."
(a.a.O., S. 374)
Im Wachtturm vom 1. September 2000 heißt es "Sie wollten jedoch nicht anerkennen, daß Jehovas Geist den treuen und verständigen Sklaven veranlaßt, Änderungen vorzunehmen, und zwar zu der von Gott vorhergesehenen Zeit und nicht dann, wenn wir es für erforderlich halten." (S. 13) Ist es wirklich vorstellbar, daß die oben beschriebene Entscheidungsfindung in der Frage nach der Zulässigkeit des Zivildienstes durch die Leitung von Jehovas Geist zustandekam?
In diesen achtzehn Jahren sind etliche männliche Zeugen Jehovas lieber ins Gefängnis gegangen, als Zivildienst abzuleisten. Hätten sie sich vor dem "treuen und verständigen Sklaven" dafür entschieden, Zivildienst mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, wäre ihnen dies als Abtrünnigkeit ausgelegt worden: "Eine wartende Haltung kann uns auch vor Vermessenheit bewahren. Einige, die abtrünnig geworden sind, wollten nicht warten." (S.13) Die Frage ist, wem man hier Vermessenheit vorwerfen kann, wenn er sich "im Einklang mit Jehovas Willen" wähnt und vielleicht eher seine "persönlichen Vorstellungen" zum Maßstab macht...
Was schlägt nun die Broschüre an konkreten Schritten vor, um ein Freund Gottes zu werden? Dem Leser wird eine Reihe von Verhaltensrichtlinien mitgegeben. So soll er - natürlich - Gottes Namen verwenden, und er soll tun, was Gott gefällt. Der Gegensatz zwischen der angeblich einzig "wahren Religion", die Gott anerkennt, und der "falschen Religion" wird ihm gleich von Anfang an beigebracht. Und die Botschaft, daß "böse Menschen vernichtet werden, und zwar für immer" (S. 13). An den "gegenwärtigen schlimmen Zuständen auf der Erde" erkenne man, daß das Paradies nahe ist - in dem diejenigen, die "Gottes Freunde" werden, für immer leben dürfen.
Während ich diese Broschüre gelesen habe, entstand bei mir zunehmend der Eindruck, daß eine in der Bibel sehr wichtige Aussage hier einfach fehlt: Die "Botschaft vom Kreuz". Paulus schreibt: "Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen als Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt." (1. Korinther 2:2) "Denn während Juden Zeichen fordern und Griechen Weisheit suchen, predigen wir Christus als gekreuzigt [...] den Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit." (1. Korinther 1:23)
Wieviel es Gott gekostet hat, daß wir seine Freunde werden können, nämlich daß Jesus Christus für unsere Schuld gestorben ist, damit unser Schuldschein zerrissen und ans Kreuz geheftet wird (Kolosser 2:14-15) - wird von der Broschüre nahezu verschwiegen. Lediglich in einem beiläufigen Satz unter der Lektion 9, "Wer sind Gottes Freunde?", habe ich zu Jesus Christus gefunden: "Außerdem kam er [Jesus Christus] zur Erde, um gehorsame Menschen von Sünde und Tod zu befreien (Römer 6:23)".
Ist dies eine Botschaft, die mit Recht von sich behauptet könnte, in einer Linie mit der Verkündigung eines Paulus zu stehen, der Juden wie Nichtjuden ("Griechen") Christus als den Gekreuzigten vorstellt, durch den wir Befreiung von unserer Schuld finden können? Ist dies eine Botschaft, die dazu angetan ist, aus den Lesern Christen zu machen?
Oder vermittelt sie nur eine unklare Botschaft und verschleiert den Blick auf den wichtigsten Punkt? Paulus erwähnt in seinem Brief an die Galater gleich im Eingangsgruß, daß Gott, der Vater, Jesus Christus aus den Toten auferweckt hat und den Herrn Jesus Christus, der sich für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausreiße aus der gegenwärtigen bösen Welt. (Galater 1:1-5) Eindringlich mahnt er die Galater, sich kein "anderes Evangelium" verkündigen zu lassen und hat für diejenigen, die ein solches Evangelium verkündigen, harte Worte (Galater 1:8-9).
Im Gespräch mit Nikodemus hebt unser großer Lehrer Jesus hervor, und er macht durch die Einleitung deutlich, daß es sich um sehr gewichtige Aussagen handelt: "Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren wird, kann er das Königreich Gottes nicht sehen." (Johannes 3:3, NW) Und wiederum: "Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Königreich Gottes eingehen. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist." (Johannes 3:5-6, NW)
Es stellt sich die Frage, ob die Wachtturm-Gesellschaft noch dieselbe frohe Botschaft verkündigt, oder ob sie nicht stattdessen einen andere Aussage in den Mittelpunkt gerückt hat, die in etwa lautet: "Gott wird mit der gegenwärtigen Welt bald ein Ende machen und wenn du dich richtig verhältst - wie das genau aussieht, bringen wir dir bei - kannst du in der neuen Welt dabeisein."
Sie kommt dabei zu der folgenden Aussage: "Wichtig ist, daran zu denken, daß man Bibelstellen aufschlägt, um bestätigt zu bekommen, daß etwas, was gesagt wird, in der Bibel steht (Apg. 17:11). Ein weiterer Grund besteht darin, die biblischen Beweise für das Gesagte zu prüfen, damit der Glaube gestärkt wird. Selbst zu lesen, was die Bibel sagt, und den Schlüsseltext gleichzeitig zu hören, prägt sich doppelt so stark ein."
Schlagen wir die angegebene Bibelstelle gleich einmal nach: "Diese [die Beröer] aber waren edler als die in Thessalonich; sie nahmen mit aller Bereitwilligkeit das Wort auf und untersuchten täglich die Schriften, ob sich dies so verhielte" (Apostelgeschichte 17:11, Elberfelder).
Diese Passage aus dem "Königreichsdienst" enthält folgende Auffälligkeiten:
Sicherlich kann man nachschauen, ob eine angegebene Stelle wirklich in der Bibel zu finden ist. Wer allerdings würde allen Ernstes vermuten, daß öffentlich in der Versammlung eine Stelle "aus der Bibel vorgelesen" wird, die nicht tatsächlich darin steht?
Viel interessanter und wichtiger sind die Fragen, ob dieser Vers für sich allein stehen kann oder sich zusammen mit einem unmittelbaren Textzusammenhang eine Bedeutungsverschiebung ergibt. Und wie er in der Gesamtaussage der Heiligen Schrift zu einem Thema zu werten ist. So gesehen handelt es sich bei einer einzelnen Bibelstelle keineswegs ohne weiteres um einen Beweis, den man für eine Vortragsaussage ins Feld führen dürfte, sondern gerade dieser Sachverhalt wäre zu überprüfen.
Geht es letzlich darum, sich nicht nur die gelesene und gehörte Bibelstelle einzuprägen, sondern auch immer wieder den Eindruck zu untermauern, daß alle Vorträge anhand der Bibel bewiesen seien - man habe es ja selbst überprüft?
Immerhin spricht der Artikel von "den meisten nominellen Christen". (S.6) Sollte er implizit anerkennen, daß die "Christenheit" nicht nur aus "nominellen Christen" besteht? Oder ist dies wieder nur eine Gegenüberstellung von Jehovas Zeugen und "Christenheit"?
Interessant sind die Aussagen auf Seite 7: "Noch mindestens zehn Jahre nach Jesu Tod kannte man seine Nachfolger als diejenigen, die zu dem ´Weg´ gehörten (Apostelgeschichte 9:2; 19:9, 23; 22:4). Weshalb? Weil der Glaube an Jesus, der ´der Weg und die Wahrheit und das Leben´ ist, im Mittelpunkt ihres Lebens stand (Johannes 14:6). Irgendwann nach 44 u.Z. wurden die Jünger Jesu dann im syrischen Antiochia ´durch göttliche Vorhersehung Christen genannt´ (Apostelgeschichte 11:26). Dieser Name war sogar den Staatsbeamten schon bald geläufig (Apostelgeschichte 26:28). Durch den neuen Namen änderte sich nichts an der christlichen Lebensweise, die sich weiterhin am Vorbild Christi orientierte (1. Petrus 2:21)."
Das eröffnet eine spannende Frage: Wenn Jehovas Zeugen danach streben, wie die ersten Christen zu sein und sich an ihnen orientieren wollen - warum eigentlich haben sie es aufgegeben, zuallererst diesen Namen zu tragen? Die früheren "ernsten Bibelforscher" nennen sich heute nicht Christen, sondern "Jehovas Zeugen" - und haben dadurch, wie sie selbst zugeben, die göttliche Vorhersehung in den Wind geschlagen.
Immer wieder haben Christen während der letzten zwei Jahrtausende fälschlich vermutet, der Zeitpunkt stünde bereits ganz nahe vor der Tür. Christen vergangener Jahrhunderte, die erleben mußten, die die Pest ganze Landstriche entvölkerte, wie großer Hunger herrschte, wie jahrelange Kriege das Land verwüsteten, haben sich - nicht ohne Berechtigung - auch in den letzten Zeiten gewähnt. Und doch warten wir heute noch immer.
Daher ist diese Aussage schlicht unseriös. Ob der Tag unmittelbar bevorsteht, weiß kein Mensch - auch nicht der Autor dieses Artikels aus dem Wachtturm. Nach wie vor gilt, daß niemand von uns Tag oder Stunde wissen wird (Apg 1:7), und daß wir deshalb immer bereit sein sollten. Dies macht Jesus anhand mehrerer Gleichnisse in Matthäus 25 sehr deutlich. Diese fortwährende Bereitschaft kann man in der Gelassenheit eines Menschen leben, der bereit ist. Zu Panik besteht keinerlei Anlaß. Da kann der Tag morgen kommen - oder nicht mehr zu eigenen Lebzeiten.
Wenn die Wachtturmgesellschaft es nun so unmittelbar drängend macht - wozu möchte sie die Menschen eigentlich drängen? Dazu holt sie mit folgender Argumentationskette aus:
"Schutz findet man also, wenn man ´Jehova sucht, Gerechtigkeit sucht, Sanftmut sucht´." (S.5 links)
Hier geht es also um Menschen, die nach Jehova Gott fragen, denen an Gerechtigkeit und an Sanftmut gelegen wird. Das können ja auch Menschen sein, die gar nicht zu Jehovas Zeugen gehören - das ist noch nicht die gewünschte Aussage. Mal schauen...
"Mit dem Namen Jehova verbindet man zweifellos Jehovas Zeugen, die dieses Predigtwerk durchführen." (S.5 links)
Die Argumentation ist im Landeanflug. Man braucht nur die Verbindung "Jehova -> Jehovas Zeugen" herzustellen, schon ist klar - dem Autor jedenfalls - daß man bei der Suche nach Gott unweigerlich auf Jehovas Zeugen stoßen wird. Aber auch das reicht noch nicht aus:
"Wie sie selbst einräumen, ist dies das Ergebnis der Belehrung durch Jehovas sichtbare Organisation, vertreten durch die Versammlungen der Zeugen Jehovas weltweit. Schutz finden kann man demnach in Verbindung mit der ´ganzen Bruderschaft´ der Zeugen Jehovas rund um den Erdball. " (S.5 rechts)
Hier ist die Transformation der ursprünglichen Aussage nun komplett. Schutz findet man nunmehr, wenn man sich der Belehrung durch "Jehovas sichtbare Organisation" unterstellt, wenn man sich an eine der Versammlungen der Zeugen Jehovas sucht. Während die ursprüngliche Aussage allen Menschen gilt, die Gott suchen und die Eigenschaften zeigen, die Gott so wichtig sind - wie Gerechtigkeit und Sanftmut - legt die manipulierte Aussage nahe, daß man nur bei Jehovas Zeugen Schutz finden kann.
Mit allem Nachdruck wird Zeugen Jehovas eingeschärft, daß sie nur ja unter dem System der Wachtturmgesellschaft leben sollen: "Lassen wir uns niemals dazu verleiten, uns - aus welchen Gründen auch immer - in die Gefahrenzone zurückzuwagen, denn der Tag, an dem wir die Sicherheitsgrenze zurück in die Welt überschreiten, könnte der Tag sein, an dem Jehova eingreift." (S.7 rechts) Natürlich sollen Christen nicht hie und da leben, als wenn sie Gott nicht kennen. Die kritische Frage ist, was die Wachtturmgesellschaft nun alles als "Gefahrenzone" deklariert. Stellt sie Warnschilder auf, wo keine hingehören?
Der Artikel schließt natürlich noch einmal mit dem bestätigenden Fazit: "Man findet Schutz, wenn man sich Jehovas Volk anschließt und es nicht mehr verläßt." (S.7) Die Aussage könnte richtig sein, wenn mit Jehovas Volk nicht eine exklusive Gruppe gemeint wäre, die allein als Jehovas Volk gilt. Wer auch immer sich in die Nachfolge Christi begibt, kommt nicht in das Gericht: "Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist aus dem Tod ins Leben übergegangen." (Johannes 5:24) Diese feste Zusicherung steht in auffallendem Kontrast zu der im WT-Artikel zitierten Aussage aus Zephanja 2:2-3, wo es nur heißt, ein Mensch könne "wahrscheinlich" am Tag des Zornes Jehovas geborgen werden.
Was tatsächlich dahintersteht, nüchtern betrachtet, ist die Vertriebsstruktur eines großen Verlagswesens: "Eine Methode, dieses Werk durchzuführen, besteht darin, Bibeln und Bibelstudienhilfsmittel zu verbreiten, und das erfordert ein organisiertes Vorgehen." "Verkündiger der guten Botschaft bemühen sich, beim Predigen auf geordnete Weise vorzugehen, um sicherzustellen, daß nicht ein Teil ihres Gebietes zu intensiv bearbeitet wird, während gleichzeitig andere Teile vernachlässigt werden. All das setzt gute Organisation voraus."
Ohne Frage. Aber das begründet noch nicht, warum es sich bei dieser Struktur nun ausgerechnet um Jehovas Organisation handelt. Der Artikel geht bis zu der Aussage - und diese wird in einer Bildunterschrift nochmal eigens betont, daß "Christen heute ´eine Herde unter einem Hirten´ bilden. Das ist jedoch mitnichten der Fall.
Die Herde, das sind alle Menschen, die Jesus als ihren guten Hirten haben. Jehovas Zeugen befinden sich in der mißlichen Lage, daß man sie von dieser Herde abschneidet. Sie bilden eine "Unterherde", nämlich die Herde der Menschen, die sich auf "Bibelstudienhilfsmittel" aus einer einzigen Quelle verlassen und die weiter sowohl ihren Predigtdienst als auch ihre Beschäftigung mit der Bibel weitgehend anhand solcher Produkte bestreiten.
Die eine Herde unter einem Hirten - sie wird ihrem Blick verborgen, um eine Splittergruppe zu bilden...
"Durch sein Wort", heißt es dort, "das von seinen Zeugen gelehrt wird, zieht Jehova 'alle, die zum ewigen Leben richtig eingestellt sind', zu sich und zu seinem Sohn, und diese 'werden gläubig'". Da stellt sich doch die Frage, warum daraus nicht die richtige Konsequenz gezogen wird: Gott zieht Menschen zu sich und seinem Sohn. Und das Wort wird nicht nur von Jehovas Zeugen gepredigt. Für einen Exklusivanspruch gibt es da also keinerlei biblische Begründung. "Kein Mensch kann einen anderen Grund legen", heißt es weiter unten, "als den, der gelegt ist, welcher Jesus Christus ist." Darauf kommt es an: Ob jemand sein Leben auf einen festen Grund baut, auf Jesus Christus. Dieser feste Grund ist beispielsweise nicht die Wachtturm-Organisation.
"Könnte es sein, daß sich unser Lehren einzig um folgende Aussage dreht: 'Wer für immer im Paradies leben möchte, muß studieren, die Zusammenkünfte besuchen und sich am Predigtwerk beteiligen.'? In diesem Fall würden wir den Glauben der Person nicht auf einer festen Grundlage errichten..."
Und doch, genau dieser Klang findet sich als Grundtenor in so vieler Wachtturm-Literatur: In Gottes Neuer Welt ist alles anders, da wird man mit Löwen spielen können. Die feste Grundlage eines klar verkündigten Evangeliums fehlt...
Genau dies war schon seit längerer Zeit die Fragestellung von außenstehenden Beobachtern: Wie kann es sein, daß sich Jahr für Jahr Menschen bei den Zeugen Jehovas taufen lassen - also offenbar wenigstens zu diesem Zeitpunkt ganz von der Richtigkeit ihres Weges überzeugt sind - sich jedoch bei den Verkündigerzahlen kein Aufwärtstrend einstellen will oder sie sogar zurückgehen?
Da ist die Rede davon, daß persönliche "Studiengewohnheiten" vernachlässigt werden, daß man "biblische Veröffentlichungen" (wohl: Literatur der Wachttumgesellschaft) "lese, wann immer man dazu komme und es schaffe, wenigstens einige christliche Zusammenkünfte zu besuchen". Demgegenüber wird gemahnt, man solle sich um eine "stetige Aufnahme von nahrhafter geistiger Speise" kümmern. (Natürlich ist es richtig, daß ein Ausstieg aus einem hingegebenen Glaubensleben schleichend erfolgt, ob man unbedingt die "Speise" der Wachtturmgesellschaft braucht, mag ein Nicht-Zeuge Jehovas in Frage stellen...)
Auf der kommenden Seite wird gar gefragt: "Setze ich ebensogern Zeit für die Vorbereitung auf die Zusammenkünfte ein wie für das Einkaufen oder Fernsehen?" "Sind meine Maßstäbe genauso gesunken wie die der Welt?" "Beurteile ich Bestrebungen oder Chancen, auf die ich verzichtet wurde, als ich ein Christ wurde, heute wieder ganz anders?"
Der Wachtturm vom 1.2.1999 führt auf S. 19 (linker Kasten) aus: "[Frederick Franz, 1970]: Dann äußerte er sich zu der Frage, ob immer noch der Aufruf ergeht, Glieder des Überrestes einzusammeln. "Nein, kein weiteres Hinzufügen!", sagte er. "Der Aufruf endete seinerzeit zwischen 1931 und 1935! Es gibt kein weiteres Hinzufügen. Wer sind also die wenigen neuen Mitverbundenen, die von den Gedächtnismahlsymbolen nehmen? Wenn sie dem Überrest angehören, sind sie Ersatz! Sie sind keine Hinzufügung zu den Reihen der Gesalbten, sondern Ersatz für diejenigen, die womöglich abgefallen sind."
Kommentar: Dies ist nicht der richtige Ort, um die generelle Problematik der 144.000-Lehre zu erörtern. Es sei nur darauf hingewiesen, daß durch die Wiederholung dieses Zitats von 1970 in einem Wachtturm 1999 die Möglichkeit ausdrücklich eröffnet wird, daß man in Positionen der leitenden Körperschaft Ersatz beruft. Sollte dies geschehen, läßt sich der Anspruch dieses Kreises sicherlich noch für eine ganze Reihe von Jahren fortführen...
Interessanterweise erheben die Männer in anderen Bibelübersetzungen keine loyalen, sondern vielmehr heilige Hände. Da Zeugen Jehovas ihrer Organisation gegenüber loyal sein sollen, stellt sich die Frage, ob diese Wiedergabe der Neuen Welt-Bibel nicht gut zu der Zielsetzung paßt, indem sie diesen Anspruch "biblisch belegt". Tatsächlich wird auch im nachfolgenden Text die Loyalität zu Jehova und zu seiner Organisation nebeneinandergestellt:
"Tatsächlich
sollte jeder, der berechtigt ist, die Christenversammlung in einem öffentlichen
Gebet zu vertreten, frei sein von Zorn, Böswilligkeit und Illoyalität
Jehova und seiner Organisation gegenüber (Jakobus
1:19-20)"
Dieser in seiner Aussage klare Bibeltext mutiert in der Wiedergabe im Wachtturm folgendermaßen: "Sollten christliche Älteste feststellen, daß eine in geistiger Hinsicht kranke Person für ihre biblische Hilfe empfänglich ist, wird ihr "Gebet des Glaubens...dem sich nicht wohl Fühlenden zum Heil sein."
Kommentar: An keiner einzigen Stelle sagt der Text etwas von "in geistiger Hinsicht kranken" Personen. Der WT-Artikel flieht vor der Verheißung, daß es auf das Gebet von Ältesten hin einem Kranken besser gehen könnte. Stattdessen biegt er daraus einen "geistig Kranken", dem die Ältesten mit "biblischer Hilfe" begegnen, den sie also auf den rechten Pfad der WT-Lehre zurückbringen.
Anscheinend nehmen die Autoren eine gewisse geistliche Verunsicherung bei Jehovas Zeugen war. Es scheinen Zweifel aufgekommen zu sein, ob die gegebenen "biblischen Prophezeihungen" sich wirklich erfüllen. Wie der nachfolgende Abschnitt zeigt, scheint auch der Besuch der Versammlungen beeinträchtigt zu sein:
"Natürlich dürfen wir nicht erwarten, daß Gott uns auf aufsehenerregende Weise antwortet. Wir müssen die Aufrichtigkeit unserer Gebete dadurch zeigen, daß wir das tun, was er von seinem ganzen Volk erwartet. Es ist unerläßlich, ein glaubensstärkendes Bibelstudium mit Hilfe von Veröffentlichungen durchzuführen, für die "der treue und verständige Sklave" sorgt (Matthäus 24:45-47; Josua 1:7, 8). Wir müssen auch Fortschritte in der Erkenntnis machen, indem wir regelmäßig den Zusammenkünften des Volkes Gottes beiwohnen und uns daran beteiligen (Hebräer 10:24, 25)."
Natürlich kann man keine Offenbarungen von Gott erwarten. Warum auch, schließlich ist er nur der Vater im Himmel, der ihnen den Heiligen Geist gibt, wenn sie ihn darum bitten, den Geist, von dem Jesus verheißen hat, er werde seine Nachfolger "in alle Wahrheit leiten". Stattdessen ist es unerläßlich, sich um so fester an die Veröffentlichungen zu halten, die herausgegeben werden. Wir dürfen gespannt sein, was dem "treuen und verständigen Sklaven" in den nächsten Wochen und Monaten einfallen wird, um seine Leserschaft neu zu motivieren.
Ein Bibelstudium allein ist nicht ausreichend, den Glauben zu stärken? Stützt es das Lehrgebäude der WT-Gesellschaft nicht genug?
"Einigen Christen , die heute nur ihre eigenen Interessen und ihre Karriere im Sinn haben, ist offenbar das Bewußtsein dafür verlorengegangen, daß wir in der ´Zeit des Endes´ bereits weit fortgeschritten sind."
Das alte Zugpferd, daß das Ende dieses Systems der Dinge kurz bevorsteht, hat an Kraft verloren. Leider kann man es auch nicht mit Zuckerstückchen wie einem neuen Endzeitdatum zu einem neuen Galopp verlocken. Diese Möglichkeit ist nach den fehlgeschlagenen Datierungen der vergangenen Zeit "vergiftet". So werden offenbar einige Zeugen Jehovas müde. Fehlt ihnen die mutmachende Zusage Jesu: "Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!" (Matthäus 28:20)? Christen können so leben, daß sie bereit sind, wenn Jesus wiederkommt, in der Gewißheit, daß Jesus jeden Tag mit ihnen ist. Sie brauchen sich dann nicht mehr von immer wiederholten Aufforderungen antreiben zu lassen, nur ja das "Predigtdienstwerk" voranzubringen.
"Mitchristen können angebrachterweise darum beten, daß der Glaube solcher Personen wieder entfacht oder gestärkt wird, und zwar der Glaube an die biblischen Beweise dafür, daß Christi Gegenwart im Jahr 1914 begann, als Jehova ihn als himmlischen König einsetzte, und daß er jetzt inmitten seiner Feinde herrscht."
Hier ist nicht vom Glauben an Christus die Rede. Auch nicht davon, daß Christen wieder neu begeistert sind, weil Jesus ihnen seine Gegenwart verheißen hat. Nein, der Glaube, den es zu entfachen gilt, ist das Vertrauen auf halbwegs obsolet gewordene und historisch nicht haltbare Lehren der Wachtturmgesellschaft. Es spricht Bände, daß dieser "Glaube" wieder neu geweckt werden soll.
"Jeder von uns sollte sich dessen bewußt sein, daß die vorausgesagten Geschehnisse wie die Vernichtung der falschen Religion "Babylon die Große" -, der satanische Angriff Gogs von Magog auf das Volk Jehovas und die Rettung dieses Volkes durch Gott, den Allmächtigen, im Krieg von Harmagedon mit überraschender Plötzlichkeit eintreffen und sich alle innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums abspielen können (Offenbarung 16:14, 16; 18:1-5; Hesekiel 38:18-23). Daher wollen wir um Gottes Hilfe beten, in geistiger Hinsicht wach zu bleiben."
Termine, so viel steht fest, kann man nicht mehr bieten. Wenn man keinen Termin hat so kann man aber dennoch vor der "überraschenden Plötzlichkeit" warnen. Wo Jesus seinen Jüngern Mut macht und sie seiner Nähe und seines Beistandes vergewissert, versucht dieser Artikel, den Lesern Angst zu machen.
Es ist nicht die Bibel selbst, es sind nicht die Zusagen, die Gott uns in der Bibel gibt, es ist auch nicht die Beziehung zu Gott oder gar die Erfahrungen, die aus einem lebendigen Glaubensleben folgen. Es sind die Vorkehrungen der Wachtturmgesellschaft, des herrschenden "Sklaven", durch den man zu einem starken Glauben kommt.
Das Internet ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Genau wie es in ihr Schmuddelecken und sexuelle Perversionen gibt, genauso gibt es sie auch in elektronischen Medien. Aber hier wie dort ist es die eigene Entscheidung, ob man in solche Ecken gehen will. Interessant die doppelte, unterschwellige Polemik: Den "Abtrünnigen" wird automatisch eine schlechte Absicht unterstellt. Gleichzeitig wird dem Leser das Werturteil serviert, daß ihr Material nur geeignet ist, "naive" Menschen zu täuschen. Ein solcher will der Leser wohl nicht sein, deshalb wird er sich das Material von "Abtrünnigen" keinesfalls ansehen und auch nicht so "naiv" sein, es ernstzunehmen.
Hat derjenige, der so Stimmungen und Werturteile produziert, die sachliche Auseinandersetzung zu scheuen?
Für denjenigen, der die Botschaft bis jetzt noch nicht gehört hat, wird noch mal unmißverständlich nachgelegt:
"Dennoch muß man zugeben, daß im Internet auch etliche äußerst schädliche Einflüsse, wie Pornographie und das Gedankengut Abtrünniger, zu finden ist."
Pornographie und das Gedankengut Abtrünniger stehen also ausdrücklich auf ein und derselben Stufe, sie sind "äußerst schädlich". Ein Zeuge Jehovas soll, wenn er in einer Suchmaschine nach "Zeugen Jehovas" gesucht und dabei die Seiten ehemaliger Zeugen gefunden hat, ähnlich entsetzt zurückzucken, als wenn er pornografische Aufnahmen vor sich sieht. Auf diese Weise sichert sich die Wachtturmgesellschaft ein effektives Informationsmonopol über die Zeugen Jehovas. Hält sich ein Zeuge an ihre Empfehlungen, ist es ihm nicht möglich, beide Seiten zu hören und selbst zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen. Er darf die Urteilsverkündigung der Wachtturmgesellschaft vernehmen und ihr unbesehen zustimmen.
"Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß viele Web-Sites von Menschen eingerichtet wurden, die unsittliche oder unlautere Ziele verfolgen. Und viele Sites, die nicht unsittlicher oder unlauterer Natur sind, wie zum Beispiel Chat-Foren, sind eine regelrechte Zeitverschwendung. Von alldem sollte man sich ganz und gar fernhalten!"
Von dem an sich nützlichen Informationsmedium, in dem man man auch "Bibliotheken, Buchläden und Nachrichtenkanäle" findet, bleibt da nicht mehr viel übrig: Dem Werturteil der Wachtturmgesellschaft folgend, muß sich ein Zeuge Jehovas im Internet vorkommen, als ginge er durch ein Minenfeld. Allenfalls die Site der Watchtower Society (http://www.watchtower.org/), die "wahrheitsgetreue Informationen über Jehovas Zeugen liefert", dürfte von ihr selbst eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt bekommen.
. Veröffentlichung in kostenlosen
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Abdruck nur gegen schriftliche Genehmigung.